Ensemble Wiener Collage

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Über das Ensemble Wiener Collage

Die Gründung des Vereins Ensemble Wiener Collage erfolgte 1987 in der Absicht, kreativen MusikerInnen Österreichs neue Möglichkeiten zu eröffnen. Die Begründer des Ensembles sind drei Komponisten: Erik Freitag, Eugene Hartzell und René Staar, letzterer hat auch die künstlerische Leitung übernommen.

Die ersten Konzerte erfolgten 1987 beim Musikprotokoll des Steirischen Herbst (mit Ur-und Erstaufführungen von Werken von Erik Freitag, Beat Furrer und René Staar), 1988 in Salzburg (ORF-Aspekte, Werke u.a. von György Ligeti, Klaus Ager, Herbert Grassl, Ernst Krenek etc.) und in Wien (Musikalischer Sommer) mit Werken von Erich Urbanner, Eugene Hartzell, Robert Schollum und Ernst Krenek in Anwesenheit des Komponisten.

Ziel des Ensembles war es von Beginn an, innerhalb der zuweilen zu stilistischer Uniformität tendierenden Aufführungslandschaft Neuer Musik Vielseitigkeit zu propagieren. Der neuen österreichischen Musik sollte international Gehör verschafft werden, Aufführungen durch kompetente Interpreten sollten ermöglicht werden.

Nach der Formulierung dieser Grundsätze schlossen sich dem Ensemble auch bald namhafte Interpreten an, die ähnliche Ideen realisieren wollten. Die Musiker des EWC bestehen zum Teil aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker, zum Teil aus exzellenten „Freelancern“, die auf der Basis ausgiebiger und exakter Probenarbeit Aufführungen Neuer Musik auf höchstem Niveau realisieren. Gäste wie Friedrich Cerha, Anja Silja, Ildikó Raimondi oder Alexis Hauser weiten regelmäßig den Horizont des Ensembles.

Im Zentrum der Tätigkeit des Ensembles steht die intensive Zusammenarbeit mit lebenden Komponisten (z.B. Amann, Cerha, Essl, Kaufmann, Lauermann, Pantchev, Stankovski, Suppan, Urbanner, Wysocki, Wozny etc.), die den Boden für ein fruchtbringendes und praxisorientiertes Entwickeln neuer kompositorischer Ideen bereiten soll. Im Rahmen dieser Kooperationen sollen die jeweiligen Komponisten in die Probenarbeit aktiv miteinbezogen werden, es soll ihnen ein Maximum an Freiraum gewährt werden, um ein Maximum an Werktreue zu erreichen. Die Auswahl der Komponisten folgt den geschilderten Grundsätzen des Ensembles und dessen undogmatischer Orientierung. Daraus resultiert, dass die aufgeführten Werke in ihren stilistischen Implikationen erheblich differieren. Gleichzeitig sind die vom EWC aufgeführten Komponisten in ihrem musikalischen Denken jedoch durch Gemeinsamkeiten verbunden: durch eine grundsätzliche Offenheit und Neugier dem Neuen gegenüber, durch das scheinbare Paradoxon zwischen musikalisch-sinnlicher Kreativität und einer skeptischen Distanz im Umgang mit musikalischem Material. Auf Grund dieser enormen Bandbreite und vielfältigen Denkansätze hat sich das Ensemble nicht nur dem Schaffen international anerkannter Komponisten gewidmet (wie z.B. György Ligeti, Friedrich Cerha, Roman Haubenstock-Ramati, Iannis Xenakis etc.) sondern gezielt bislang unbekannte Komponisten entdeckt (z.B. Zdzislaw Wysocki, Wladimir Pantchev, Alexander Shtchetynsky, Dusan Martincek, Ramon Lazkano etc.), die die Palette Neuer Musik um zahlreiche Farbtöne erweitert haben.

Mit diesen Grundsätzen von Vielfalt und musikalischer Qualität machte das Ensemble bald auf sich aufmerksam und entfaltete eine intensive Aufführungstätigkeit im In- und Ausland. Erste Konzerte beim Musikprotokoll des Steirischen Herbst, dem Aspekte Festival Salzburg und dem Musikalischen Sommer der Stadt Wien fanden in der Saison 1987/88 statt. Innerhalb Österreichs folgten Auftritte in Wien (Musikverein, Konzerthaus, ORF, Arnold Schönberg Center, Festwochen 1992: Ernst-Krenek-Gedenkkonzert), Salzburg (Salzburger Festspiele), Graz (Steirischer Herbst) und Linz (Brucknerhaus). Auch im internationalen Bereich machte das Ensemble Wiener Collage mit einer Japan- (Tokyo, Kyoto, Fukuoka) und USA-Tournee (Los Angeles, Cincinnati) sowie Auftritten u.a. in Italien (Rom, Mailand, Triest), Frankreich (Paris), Spanien (Madrid), der Türkei (Ankara, Istanbul), der Ukraine (Odessa, „kontraste“ in Lemberg), Ungarn (Budapest), Deutschland (Philharmonie Köln), Slowakei („melos-ethos“, Bratislava) und Portugal („1. internationales Festival für Neue Musik“, Lissabon) mit großem Erfolg auf sich aufmerksam. Diese intensive Arbeit hat zur Veröffentlichung mehrerer CD’s geführt, die das Schaffen der Komponisten des EWC dokumentiert.

Die internationalen Kontakte und das große Interesse des EWC am interkulturellen Dialog haben auch zu einer Erweiterung und zu bestimmten neuen Schwerpunkten innerhalb des Repertoires geführt (Schwerpunkt Exil – Emigration – Immigration): Die Zusammenarbeit mit Komponisten, die im Exil lebten (wie Ernst Krenek oder Karl Kohn), aber auch die Integration in Wien heimisch gewordener Komponisten (z.B. Eugene Hartzell, Zdzislaw Wysocki oder Wladimir Pantchev) ins Repertoire akzentuiert neben der europäischen und internationalen Orientierung des Ensembles vor allem auch die Idee, wenig gespielte Musik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wobei die CD-Veröffentlichungen und Kompositionsaufträge diese Intention vertiefen. Insgesamt wird wird somit dem Raum Europa immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt (Ramon Lazkano, Alexander Shtchetynski, António Chagas-Rosa, Sidney Corbett), wenngleich zunächst Osteuropa als Schwerpunkt betrachtet wird. Dies äußert sich auch in der Vergabe von Aufträgen an Komponisten aus Osteuropa (Pawel Szymanski, Alexander Shtchetinski, Dusan Martincek, Miro Bázlik und viele andere).

Wichtige Schwerpunkte in der Aktivität des EWC gelten aber nicht nur der Neuen Musik, sondern auch der Musik der sogenannten „Wiener Schule“ (Schönberg, Webern, Berg), was sich unter anderem auch in der Zusammenarbeit mit dem Arnold Schönberg Center Wien äußert. Die Werke der „Wiener Schule“ und ihrer Nachfolge bilden im Repertoire des Ensembles einen Gegenpol zum zeitgenössischen Schaffen, und diese Auseinandersetzung hat sich seit 1997 weiter intensiviert. Schlüsselwerke Schönbergs (z.B. „Pierrot Lunaire“ oder die „Ode to Napoleon Buonaparte“) und Werke der „Schüler der Wiener Schule“ (z.B. Hans Erich Apostel – sein Schüler Eugene Hartzell war Gründungsmitglied des EWC –, Roberto Gerhard, Nikos Skalkottas, Leopold Spinner, auch John Cage) sind Repertoireschwerpunkte des Ensembles. Auf Grund der Kompetenz im Bereich dieses speziellen Repertoires wurde das EWC 1998 zum „Ensemble in Residence“ des Arnold Schönberg Centers in Wien ernannt und bestreitet seit Herbst 1998 einen Zyklus von jährlich 3–5 Konzerten im Schönberg Center, der einerseits die Werke der Komponisten der Wiener Schule und ihrer Nachfolge pflegt, andererseits heute lebenden Komponisten (vor allem aus Mitteleuropa) offensteht. Seit 2001 haben die Wiener Philharmoniker die Patronanz über diesen Zyklus übernommen, der 2001–2004 von der Siemens Musikstiftung München gefördert wurde. Im Herbst 2004 gestaltete das EWC zum 100. Geburtstag von Luigi Dallapiccola einen Schwerpunkt mit Werken dieses Komponisten, aber auch mit Werken von Luciano Berio, Salvatore Sciarrino und Luigi Nono und brachte das Akkordeonkonzert von Erich Urbanner, das Klarinettenkonzert von Dora Cojucaru („Transparences“) und weitere Werke zur Uraufführung.

Abgesehen von den bereits erwähnten Schwerpunkten seien die folgenden thematischen Akzente in der Tätigkeit des EWC hervorgehoben:

Die Bilanz des EWC seit seinem Bestehen kann sich sehen lassen: Sowohl in der großen Bandbreite des Repertoires als auch in der Qualität der Aufführungen wurden Maßstäbe gesetzt. Über 200 Werke von über 70 Komponisten (neben Werken der Gründungsmitglieder auch Stücke von Ernst Krenek, Robert Schollum, Erich Urbanner, György Ligeti, Klaus Ager, Friedrich Cerha und vielen anderen) wurden in verschiedenen Projekten in Österreich und international (Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Japan, Ungarn, Portugal, USA, Türkei, Ukraine, Slowakei etc.) bei Festivals und Symposien uraufgeführt. Durch diese vielfältige Tätigkeit trägt das EWC zu einem neuartigen “Ideentransfer” zwischen Interpreten und Publikum und letztlich auch zwischen unterschiedlichen Regionen Europas und der Welt bei.

- Lukas Haselboeck