aus ÖMZ 06/2003: Wegkreuzung in Wien mit Musikern aus Amerika/Polen/Bulgarien
Collage statt Einheitsbrei
Der rasante Wandel der Gesellschaft in den letzten 100 Jahren hat ehemals funktionierende Mechanismen von Kunstförderung – vor allem von Gönnerschaft bzw. Auftragserteilung durch die Mächtigen und Wohlhabenden – zum Großteil außer Kraft gesetzt. Der Kunst kommt heute daher eine andere Funktion zu: Den Herrschenden gleichwelchen Gesellschaftsmodells ist weniger die Weiterentwicklung der Kunst als die Verfügung über die Kunst als Medium für verschiedene Anliegen, ja geradezu als Werkzeug der Manipulation der Massen wichtig geworden.
Demokratie und Globalisierung haben zu einem Widerstreit zwischen Massenkultur und individueller Kunst geführt. Man begnügt sich heute gerne damit, diese in das für eine freie kreative Weiterentwicklung eher belastende Ghetto akademischer Betriebsamkeit einzuweisen, es sei denn, sie gibt sich einen technologischen Anstrich, auch wenn dieser inhaltlich eher reaktionär denn innovativ ist.
Trotzdem gedeihen aber auf diesem oft unfruchtbaren Boden geradezu utopisch anmutende Ideen und Künstler, so auch die schöpferischen Ergebnisse der Arbeit von Immigranten. Damit sind vor allem jene gemeint, die nach Österreich nicht aufgrund einer akademischen Einladung kamen, und damit bereits von vornherein mit einer gesicherten Akzeptanz rechnen konnten, sondern Komponisten, die ganz andere Gründe und Erwägungen nach Wien zogen und die zumindest zunächst von vielen Fachleuten und Musikliebhabern nicht beachtet wurden.
Isolation, Minderachtung, ja Ignoranz hinterlassen Spuren nicht nur im Leben, sondern auch im Werk von schöpferischen Menschen. Nicht nur Synthesen verschiedener Arbeitsweisen oder Stile können sich dabei herauskristallisieren. Die Konzentration verschiedener kultureller Muster auf individuelle Grundformeln der musikalischen Aussage ist jedem ernstzunehmenden Komponisten zueigen, auch jenen, die nicht dazu veranlasst werden, ihren Wohnsitz aus einem sehr ausgeprägten kulturellen Umfeld in ein anderes zu verlegen. Die “Fremde” kann bestimmte Tendenzen und Stilmerkmale im Werk eines Komponisten allerdings verstärken, wie durch ein Brennglas bündeln, dem dadurch entstehenden Leben ein universelles Gepräge geben.
Die in Ansätzen angerissene Charakterisierung des Lebens und Werkes dreier Komponisten, die alle zu österreichischen Staatsbürgern wurden und hier einen Großteil ihres Hauptwerks schufen, soll die für niemanden einfache Metamorphose vom Leben in einem kulturell gesicherten Umfeld in eine Phase der Ungewissheit, des künstlerischen Suchens und der Sehnsucht nach Neudefinierung des eigenen Strebens verdeutlichen.
Das Hauptwerk der drei Komponisten Eugene Hartzell (1932–2000), Zdzislaw Wysocki (1944—) und Wladimir Pantchev (1948—) könnte stilistisch und ideell nicht unterschiedlicher sein. Eines jedoch haben diese Werkkonvolute gemeinsam: die äußere Biographie und die beiden Pole “Ursprung” und “neues Leben” in der Fremde prägen das Schaffen der Komponisten.
Im Falle Eugene Hartzells stellen sich die beiden Pole durch den Einfluss des Jazz und der amerikanischen Unterhaltungsmusik einerseits, andererseits durch die Strenge einer akademisch aufgefassten “Zwölftontechnik” dar, wie sie von Hans Erich Apostel, dem Wiener Lehrer Eugene Hartzells vermittelt wurde.
Hartzell, der seine Musikstudien in den USA (Kent State University Yale, School of Music) begonnen hatte, setzte sie ab 1956 im Rahmen eines Privatstudiums in Wien fort. Er wurde später in vielerlei Funktionen (als Übersetzer, Nachlassverwalter Hans Erich Apostels, Moderator von Komponistenportraits, Verlagslektor, Musikkorrespondent, Interpret etc.) ein fast unersetzlicher Mittelsmann der Neuen Musik Österreichs. Viele dieser Tätigkeiten hat er ohne jegliches Entgelt ausgeführt. Auf Dank dafür hat er lange warten müssen, die Ehrenmitgliedschaft beim “Ensemble Wiener Collage” und dem ÖKB wurden ihm Ende der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts zugestanden. Der Preis der Stadt Wien wurde ihm im Dezember 1999 nur wenige Monate vor seinem Tod verliehen.
Im Schaffen des Komponisten streben diese beiden Pole (Amerika und Wien) nach Verschmelzung. In zweien seiner Werke ist Hartzell dies ideal gelungen, in seiner 1970 überzeugend geschriebenen Synopsis of a Symphony und seinen String Quartett (1979), Werke die ohne Zweifel Bestand haben werden. Hartzell gelingt hier ein Ausgleich seiner beiden künstlerischen Magnetfelder. Die Dodekaphonie wirkt nie wie eine Maske, sondern als lebendige Auseinandersetzung mit der Moderne, zu der auch ganz selbstverständlich der Jazz gehört, dessen rhythmische Formeln hier als Pendant zur Reihentechnik erscheinen.
Das Klischee amerikanischer Unterhaltungsmusik drängt sich einem in vielen seiner Kammermusikwerke zudem geradezu plakativ auf, beson-ders spürbar z. B. in den 1982 komponierten Episodes, dem Horn Trio von 1995 oder seiner Kammersymphonie 1997 oder in seiner Kurzoper Wer sagt, dass Verbrechen nicht lohnt 1999. Gerade diese Werke haben beim Publikum großen Anklang gefunden.
Einer endgültigen Wertung des Gesamtschaffens des 2000 nach langer, schwerer Krankheit verstorbenen Komponisten steht die fehlende Auf-führung und Rezeption vieler seiner Werke, so auch seiner beiden 1965 und 1968 komponierten Symphonien und seinen umfangreichen, noch kaum aufgearbeiteten Liedschaffen entgegen. Hartzell schrieb viele seiner Werke für befreundete Musiker und Ensembles. Aufführungen seiner Werke gab es erst regelmäßiger, nachdem Hartzell zusammen mit zwei anderen österreichischen Komponisten das “Ensemble Wiener Collage” gegründet hatte und eine intensive Zusammenarbeit mit dem Ensemble “Harmonien der Welt” aus Odessa betrieb.
Für Wladimir Pantchev, den jüngsten der drei hier beschriebenen Komponisten (* 1948 in Sofia/BG), dient die Folklore geradezu als schützender Schild gegenüber einem artifiziell-nivellierenden Zeitgeist. Ursprünglich ist dies die Kraft der Volksmusik Bulgariens und der slawischen Kirchenmusik, seit seiner Übersiedlung jedoch erweitert sich sein Interesse auf das universelle Feld aller Volkstraditionen, so auch auf die österreichische Folklore (z. B. in seinem mitreißenden Quartett XIII aus seinem Zyklus Quartette… Quartette), speziell auch auf indische Traditionen (z. B. Krishna-Spiele für Flöte und Kammerensemble).
In seiner eigenen Verarbeitung folkloristischer Elemente steht Pantchev in einem Kontinuum osteuropäischer Auseinandersetzung mit den Wurzeln der Volksmusik. Strawinsky, Bartók, Enescu oder Ligeti (um nur einige wenige zu nennen) haben es in ihrem eigenen Schaffen vermocht, unverwechselbare Meisterwerke aus den Konsequenzen ihrer ganz spezifischen modernen Ideen und der Beschäftigung mit Volkskunst zu schaffen. Gleiches kann man von Wladimir Pantchev sagen, dessen Arbeitsweise heterophone Ungleichzeitigkeiten in quasi-aleatorischen Abschnitten bevorzugt und rhythmisch klar definierte Teile dagegen kontrastiert. Modale und atonale Prozesse werden eingeschlossen. Dabei hat er die Fähigkeit entwickelt, jedem seiner Stücke eine unverwechselbare Atmosphäre zu verleihen. Wer dies näher studieren will, sollte die Partitur seines Zyklus Quartette… Quartette (1998–2000) ansehen, deren 16 Teilstücke einen Überblick über Pantchevs musikalisches Universum vermitteln.
Pantchev war bereits ein anerkannter Musiker in Bulgarien, arbeitete u. a. am Nationaltheater in Sofia und als Kammermusikprofessor an der Musikakademie Sofia, als er sich aus familiären Gründen entschloss, nach Österreich umzuziehen. Ein Neustart mit vielen Hürden und Hindernissen, aber auch einigen vielversprechenden Kompositionsaufträgen (Klangforum, Ensemble On Line, Ensemble Wiener Collage, Wiener Streichersextett). Eines seiner ersten in Österreich entstandenen Stücke ist dem Andenken eines seiner großen Lehrer und Freunde gewidmet. Diese Hommage á Edison Denisov (1996/97), für Klarinette, Saxophon, Violine und Klavier komponiert, ist ein unheimliches Stück voller Bezüge auf Osteuropa und Rußland. Wohl kein anderer österreichischer Komponist könnte ein derartiges Werk komponieren.
Seine Ausbildung als Komponist fand zum Großteil in Sofia statt. Werke wie z. B. die Partita für zwei Violinen (1977) oder Wettspiel für Streichorchester und Schlagzeug (1991) markieren Eckpunkte seiner dortigen Entwicklung.
Pantchev ist ein Komponist, der heute im Zenit seines Schaffens steht. Dies beweisen die drei ersten Konzertstücke für diverse Soloinstrumente und Kammerorchester/-ensemble, die Pantchev zwischen 2001 und 2003 schrieb: Konzertstück für Kontrabass und Kammerensemble (2001), die bereits erwähnten Krishna-Spiele (2002/03) und das noch auf Uraufführung wartende Konzertstück für Trompete und Kammerensemble.
Diese Kurzstudie kann Leben und Werk der ausgewählten Komponisten bestenfalls skizzieren, auf einige Höhepunkte des Schaffens hinweisen, die Hintergründe, eine zuweilen zerissene Entwicklung andeuten. Es wäre bereits erfreulich, wenn sie zu vermehrter Beschäftigung der Musikologen, Interpreten und Veranstalter mit der Musik der charakterisierten Komponisten führte.
Wysockis kompositorisches Werk ist zweifellos eines der bestgehütetsten Geheimnisse österreichischer Gegenwartsmusik. Diesem ungeheuer begnadeten Komponisten sind praktisch unbemerkt von einer breiten Öffentlichkeit Meisterwerke großer Intensität und Ausdruckskraft gelungen. Wie immer man seine Musik aufnehmen mag (Stücke von ihm wurden als musikalische “Miniaturdramolette”, auch als “bizarre Nachtgestalten” bezeichnet), gleichgültig kann wohl niemand – gleich wo – gegenüber seiner Musik bleiben; das haben die immer zahlreicher werdenden internationalen Erstaufführungen gezeigt. Egal ob in Paris, Kalifornien, Tokio, Lissabon oder Köln, sein Werk frappiert und fasziniert nicht nur Publikum und Musiker, sondern auch die Fachpresse.
In den späten Sechzigerjahren nach Österreich gekommen, um bei Erich Urbanner Komposition zu studieren, bleibt Wysocki, gründet eine Familie, wird 1976 österreichischer Staatsbürger, komponiert und fristet sein Leben unter schwierigen, teilweise diskriminierenden Umständen. Nur wenige Aufführungen kommen zustande, darunter der Erfolg seiner Papstmesse, die 1983 anlässlich des Besuchs von Karol Wojtyla (Papst Johannes Paul II.) in Wien uraufgeführt wird und die Wysocki erstmals bei einem breiteren Kreis bekannt macht.
1990 sucht das “Ensemble Wiener Collage” für eine Konzertreise nach Japan aufgrund des unvorhergesehenen Entfalls des Horntrios von Ligeti nach einem Ersatzwerk. Wysocki schrieb in wenigen Wochen sein Quartetto op. 46 (ein Klavierquartett), das mit riesigem Erfolg 1991 in Tokio uraufgeführt wird, ein halbes Jahr später mit demselben Resultat in Los Angeles und Cincinatti. Seither gibt es eine ständige Zusammenarbeit, in dessen Verlauf neun Auftragswerke für das EWC entstanden sind, darunter die bislang in 4 Bänden (komponiert seit 1995) gesammelten mehr als 70 Miniaturstücke mit dem Titel Etüden für Kammerensemble, einem Werk, das in seiner Intension und Vielfalt mit Bartóks Mikrokosmos verglichen werden muss, obzwar es im Charakter und in seinen für jedes Stück neuerfundenen Besetzungen so völlig anders geartet ist. Die Etüden tauchen den Hörer in den vielfältigen Kosmos der Vorstellungskraft Wysockis ein und spiegeln das Wesen jener Konvulsionen, die den Komponisten stets auf seinem Lebensweg begleitet haben. Die Stücke sind von skurillen Einfällen übersät und leben insbesondere durch ihre Kontraste zwischen frei-(aleatorischen) Abschnitten und rhythmisch unregelmäßigen Impulsen, was von den Interpreten intensive Beschäftigung mit dem Werk erfordert, das sich dann umso unmittelbarer dem Publikum erschließt. Vor allem der Reichtum an Kammermusik-und Kammerorchesterbesetzungen trägt zur Färbigkeit und zur Form dieser Charakterstücke bei. In den Neunzigerjahren hat der Komponist eine Reihe erstaunlicher Kammermusikwerke geschaffen und ist auch als Vokalkomponist aufgefallen. Insbesondere De finibus temporum op. 52 für Sopran und 16 Spieler (komponiert (1993/94) mit Texten auf deutsch, italienisch, hebräisch und polnisch weist Wysocki als engagierten Europäer aus.
Von Beginn seiner kompositorischen Tätigkeit an hat auch das Orchester seine Faszination auf Wysocki ausgeübt. Von den symphonischen Werken sei vor allem seine Elegia 1943 op. 37 (1982–85) genannt, eine Trauermusik im Gedenken an den Warschauer Aufstand 1943. Sie wurde bislang so wie manches andere aus der Feder des Komponisten noch nicht aufgeführt.
Das Double Concerto op. 62 (2001/02) für zwei Violinen und großes Orchester wurde dann allerdings durch die Uraufführung im Mai 2002 durch Kent Nagano und das Berkeley Symphony Orchester in Berkeley zum internationalen Durchbruch für den Komponisten. Im August 2003 wurde ein weiteres Doppelkonzert op. 67 für Posaune, Harfe, und Kammerensemble (2002) bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt.
Die Musik Wysockis vermag, ähnlich wie dies in der Literatur Slawomir Mrozek oder Stanislaw Lem getan haben, surreale und utopisch anmutende Situationen in Alltagsklischees einzuführen. Dies geschieht jedoch auch mit einer Portion Selbstironie, die nicht nur die eigene Person, sondern auch seine Herkunft (mag dies nun geographisch oder auch geistig ausgelegt werden) betrifft.
